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Ingo Krenzer

Kommentar: Danke heißt mehr Gehalt! Erst recht in der Eingliederungshilfe

Ich wage mich jetzt mal und frage "ketzerisch": warum gibt es denn überhaupt diesen einmaligen "Pflegebonus" speziell für die Altenpflege. Ganz "platt" stelle ich fest, die Arbeitsbedingungen haben sich speziell für die Berufsgruppe doch nur unwesentlich geändert?

Die einzigen Veränderungen waren doch nur ein "strengerer" Umgang im Umgang mit Hygiene und den Angehörige wurde das Besuchsrecht abgesprochen! Der Arbeitstagesablauf ist dadurch nicht großartig verändert und erschwert worden? (vielleicht sogar vereinfacht, da keine Angehörigen "rumlaufen" und Pflegekräfte "binden"!) Warum sollten auf Grund dieser "kleineren" Veränderungen es zu Überbelastungen des Personal kommen über das normale Maß hinaus. Aus meiner Erfahrung heraus ist das nicht nachzuvollziehen (ich habe fast 40 Jahre Berufserfahrung im Bereich "stationären und ambulanten Wohnens")! Natürlich gab es durch die Kontakteinschränkungen zu Nachteilen für die Klienten, keine Frage, aber wie bereits oben kurz erwähnt, hatte das Personal mehr Zeit für die Klienten in der direkten Betreuung, da die Aufgaben ,die im Umgang mit den Angehörigen notwendig sind, weg gefallen sind! Auch in der Ambulanten Pflege hat sich durch "Corona" nicht viel verändert, außer die Hygiene! Und das was an Schutzmaterialien den MitarbeiterInnen zur Verfügung gestellt wurde, war ein Armutszeugnis...ja! Aber deswegen dürfte es zu keiner Überstunde oder Mehrbelastung gekommen sein....genauso sah es doch eigentlich in den Krankenhäuser aus. OP´s wurden verschoben, die Anzahl der Einweisungen ist gesunken, zum Teil wurden Stationen runtergefahren und geschlossen, es gab sogar Krankenhäuser, die Kurzarbeit eingeführt haben! Klar die Intensivpflege ist ein anstrengende Job, aber an die Grenzen unseres System sind wir nicht gestoßen...somit dürfte es weder zu Überstunden noch Mehrbelastung gekommen sein?
Nicht, daß man mich falsch versteht, ich bin definitiv und sehr kämpferisch für eine Aufwertung dieser Tätigkeiten! Die Personalschlüssel sind unverantwortlich zu niedrig und die Bezahlung ebenfalls! Aber, nochmal: die tägliche Arbeitsbelastung hat sich eigentlich nicht geändert und die, die jetzt über Überstunden und Mehrarbeit klagen....was habt Ihr vorher gemacht? Habt Ihr die Menschen bewußt unterversorgt, habt Ihr die Hygienemaßnahmen in Euren Einrichtungen nicht ernst genug genommen?
Eine Berufsgruppe, die weder öffentlich noch speziell bei den LINKEN auftaucht, sind die Gruppen der MitarbeiterInnen der Eingliederungshilfe und der Kinder- und Jugendhilfe im Bereich Wohn-/Lebensassistenz! Deren Arbeitsalltag ist tatsächlich extremer Veränderungen und Einschränkungen während der Coronazeiten unterworfen!
Es ist plötzlich nicht mehr möglich den eigentlichen Bedarf der Eingliederungshilfe zu erfüllen, nämlich Menschen die Teilnahme am öffentlichen Leben zu ermöglichen und dieses bedarfsorientiert zu begleiten! Ähnliches kann man zur Kinder- u. Jugendhilfe sagen!
Ich möchte ausdrücklich betonen, daß man mit dem Begriff "Pflegekräfte" niemals diese Berufsgruppe mit einschließen darf! Eingliederung unterscheidet sich fundamental von Pflege! Weswegen ich gebetsmühlenartig verlange, dies in Reden und Anträgen extra zu berücksichtigen!
Jedenfalls wurde hier der Arbeitsalltag extremst von Heute auf Morgen verändert! Die Betreuung im Bereich Wohnen/Leben ist so organisiert, daß Personal "vorgehalten" wird für die Zeiten, wenn Klienten auch anwesend sind. Dies bedeutet in der Praxis; die Wohnstätten sind personell nicht oder nur minimalst besetzt, wenn die Klienten tagsüber im Bereich Arbeit (Werkstatt; Tagesstätte; Tagesförderstätten) begleitet werden...jeder kann darauf kommen, daß mit dem zu vorhandenen Personal man nicht in der Lage ist plötzlich über einen längeren Zeitraum Tagesbetreuung anzubieten. Hier sind die Mehrarbeitsstunden und die Mehrbelastung explosionsartig gestiegen, zudem durch die Kontakteinschränkungen nicht nur der "Arbeitsauftrag" nicht erfüllbar war, auch wurden "Menschen" mit wenig Einsehen quasi eingesperrt! Auch die regelmäßigen Angehörigenkontakte waren plötzlich nicht in gewohnter Form möglich ,was für die Begleitung extreme Streßsituationen bedeutet...ich möchte jetzt nicht näher darauf eingehen, daß z.B. 14 Tage Quarantäne nach Angehörigenkontakt nicht umsetzbar ist....Auch die Begleitung im ambulanten Bereich veränderte sich schlagartig , da der Bedarf an Begleitung ebenfalls sich eklatant veränderte! Der Versuch oder der Gedanke, daß man ja dann die Mitarbeiter der Tagesangebote einfach so mal in den Bereich Wohnen "rüberzuschieben", ist in der Praxis aus vielerlei Gründen nicht oder nur schwer umsetzbar...(Stichwort auch Mitarbeiterarbeitsverträge/ mangelnde Qualifikation und Erfahrung für den Wohnbereich)...
Die stationäre Kinder- und Jugendhilfe hat unter ganz ähnlichen Bedingungen plötzlich arbeiten müssen. Auch ist man in beiden Bereichen nicht so stark auf Pflege und entsprechender Pflegehygiene eingestellt, vorbereitet, bzw. auch bewußt nicht so ausgerichtet, so daß die Hygienevorschriften sehr schwer umsetzbar waren! Ganz plastisch kann man sich vor Augen führen, daß es selbstverständlich ist, daß MitarbeiterInnen in Dienstkleidung arbeitet, in der Eingliederungshilfe ist so etwas nicht vorstellbar. Körperkontakt zum Klientel gehört in der Eingliederungshilfe oder der Kinder- und Jugendhilfe fast schon zum "Handwerkszeug"....jetzt in Coronazeiten...gibt es einen Kleiderzuschuß für die Mitarbeiter?
Zusammengefasst möchte ich mit meinem Beitrag auf eine extreme Ungerechtigkeit hinweisen, die leider auch nicht durch die Linke thematisiert wird. Immerhin beziehen ca. 425000 Menschen, Eingliederungshilfe und werden durch eine entsprechende Anzahl von MitarbeiterInnen begleitet (NICHT gepflegt), die Zahlen der Kinder- Und Jugendhilfe sind mir nicht geläufig, aber ich denke dies sind auch nicht gerade wenig! Aber genau diese MitarbeiterInnen haben in der Coronazeit eine wesentlich höhere Arbeitsbelastung gehabt. Diese Arbeit wurde nicht beklatscht und erfährt noch nicht einmal jetzt eine Anerkennung. Eine Arbeit, in der es im Übrigen wenig Vollzeitkräfte gibt, da man auf diese aus organisatorischen Gründen verzichtet, die mehr oder weniger unbeachtet bleibt, sowie auch der Klient, der diese Leistungen bezieht! Ich erwarte hier ein stärkeres Engagement ,auch von Ihnen Frau Zimmermann! Nicht nur die Pflege hat einen Anspruch auf bessere Entlohnung und höhere gesellschaftliche Anerkennung! Auch das ist Teil von Inklusion!